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„Wir wollen den Leuten sagen, was sie nicht hören wollen.“ – Weimar

Mehr als sechs Jahre lang gab es in Weimar keine Studierenden-Zeitung. Im April dieses Jahres haben einige Student*innen „Dass Blatt“ gegründet, eine Zeitung im Format eines Plakates. Allerdings soll niemand wissen, wer dahinter steht, die Macher*innen wollen anonym bleiben. Ich konnte sie trotzdem treffen

Warum versteckt ihr euch hinter der Zeitung?

Dass Blatt: In Weimar ist es so: Jeder kennt jeden. Man sieht sich täglich auf der Straße. Zwischen den Studierenden, Professoren und Mitarbeitern herrscht ein persönliches Verhältnis und die Kurse bestehen aus sehr kleinen Gruppen. Die Studierenden befinden sich in einer Abhängigkeit zu den Professoren. Die wiederum bewerten unsere Arbeit, müssen Erasmus-Anträge bewilligen und betreuen die Bachelor-Arbeit. Das alles macht es sehr schwer, Autoritäten zu kritisieren, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.

Wie wirkt sich das auf die Kritik-Kultur in Weimar aus?

Die Studierenden sind in großen Teilen sehr unkritisch was die Lehre angeht. Dabei gibt es eigentlich eine starke Tradition am Bauhaus, zu fragen: Wie wollen wir lernen? Und obwohl diese Frage auch durchaus heute noch von der Uni in den Raum gestellt wird, beteiligen sich nur wenige Studierende in den Gremien. Das gleiche gilt für die direkte Kritik: Die Kommunikation zwischen Studierenden, Professoren und Mitarbeitern ist insgesamt sehr gering.

Das heißt: Dass Blatt soll eine Plattform sein, um sich kritisieren zu können?

In erster Linie, um das Konstrukt Universität zu kritisieren – und vielleicht auch Vorschläge zu machen und Wünsche in den Raum zu stellen. Dass Blatt soll vor allem für mehr Kommunikation sorgen. Es soll den Leuten die Möglichkeit geben, ihre Meinung zu sagen – ohne Probleme zu bekommen.

Da Debatten in sozialen Netzwerken immer mehr ausarten, diskutiert die Politik darüber, ob man im Internet weiterhin anonym bleiben darf. Nun macht ihr genau das, nur eben analog: Ihr gebt Leuten die Möglichkeit, anonym die Meinung zu sagen. Habt ihr keine Angst, dass der gleiche Effekt auftritt wie im Netz?

Dass Blatt ist ein Kunstprojekt, das eben genau das ausprobieren will. Wir wollen schauen: Kann das klappen? Ein analoges Medium, das funktioniert wie das Internet? Der große Unterschied ist allerdings: Im Internet gibt es keinen Kontrolleur, der die Beiträge vorher noch einmal durchliest und sie anschließend frei schaltet. Bei uns ist es so: Wir lesen natürlich alle Texte vor Abdruck und schauen, ob die in Ordnung sind.

Welche Gründe gibt es für euch, Texte nicht abzudrucken?

Wir wollen nicht, dass Menschen beleidigt werden, sondern: Kritik soll konstruktiv sein. 

Ihr schreibt in eurer ersten Ausgabe: Wir sind kein journalistisches Projekt. Was seid ihr dann? Eine Mischung aus Twitter und Zeitung?

Dass Blatt gestaltet sich eher wie ein Flugblatt, das wir in der Öffentlichkeit verteilen. Außerdem hat es die grobe Form einer Zeitung und gleichzeitig die Form eines Plakats. Man kann es also auch an der Wand aufhängen. Und zuletzt gibt es Dass Blatt nicht digital.

Warum nicht?

Wir wollen gezielt Leute ansprechen, die hier studieren. Wir sehen das Diskutieren in sozialen Netzwerken eher als Problem an und wollen statt dessen Debatten wieder im analogen Raum verankern. Die Leute sollen wieder miteinander sprechen. Und wir wollen uns das Recht nehmen, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen. 

Aber warum geht ihr dann nicht den nächsten Schritt und macht ein echtes journalistisches Projekt draus, mit einer Redaktion, die Texte schreibt und redigiert?

Bei uns soll jeder die Möglichkeit haben zu schreiben. Deshalb muss das Konzept so offen wie möglich sein und sich eben auch genau so offen gestalten. Beim Jubiläum zu hundert Jahre Bauhaus haben wir gemerkt: Es gibt viel Kritik, die nicht ausgesprochen wird. Deshalb wollen wir auch ein wenig Laienhaft sein, weil wir das Gefühl haben: Es gibt erst einmal einen Bedarf, sich auszutauschen. Ein weiterer Grund: Auch wir als Redaktion wollen anonym bleiben, um keine Probleme im Studium zu bekommen.

Glaubst du, ihr bringt Student*innen mit eurem Projekt dazu, sich wieder kritischer zu äußern und sich politisch zu engagieren?

Wir glauben, dass die Leser durch Dass Blatt angeregt werden, Dinge zu diskutieren und weiterzudenken. Es gibt eben auch einen Bedarf. Der Hintergrund: Alle von uns waren in der Universitätspolitik tätig und da haben wir gemerkt: Wir haben ein ganz massives Kommunikationsproblem. Aus dem Grund haben wir zwei Formate entwickelt, um diesen Austausch anzuregen: Zum einen eben Dass Blatt – und zum Anderen haben wir in jedem Studiengang eine Vollversammlung veranstaltet. Da konnten die Studierenden untereinander direkt diskutieren. Einiges was dort besprochen wurde, landete übrigens auch als Artikel wieder in Dass Blatt.

Wie geht es weiter?

Wir haben jetzt zwei Ausgaben und hoffen sehr, dass in Zukunft noch mehr Leute mitmachen. In der letzten Ausgabe haben wir geschrieben: Dass Blatt ist eine Einladung. Das bedeutet: In Zukunft wird sich dass Blatt durch jeden der mitmacht weiter verändern und entwickeln.

Wir glauben: Von den Universitäten ist in der Geschichte immer gesellschaftliche Veränderung ausgegangen. Gerade sind allerdings vor allem die Schüler politisch sehr aktiv, wie zum Beispiel bei Fridays for Future. Es wäre gut, wenn in Zukunft auch die Studierenden wieder mehr den gesellschaftlichen Wandel prägen würden.

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