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Vom Gefühl, zu verlieren – Riesa

In Riesa kämpfen die Menschen erbittert um den Ausbau einer Straße. Sie soll der sächsischen Stadt zu alter Größe verhelfen.

Wenn in Deutschland eine Straße gebaut werden soll, dann gibt es Menschen, die davon profitieren – und andere, die darunter leiden. Am Ende wird eine Entscheidung gefällt, mit der beide Seiten leben müssen. Meistens klappt das gut: Es ist schließlich nur eine Straße.

In der sächsischen Stadt Riesa führen die Menschen seit zwanzig Jahren diesen Streit: Die Einen wollen eine Bundesstraße ausbauen, die Anderen wollen das verhindern. Es ist ein Streit, der erbittert geführt wird. Denn eigentlich handelt er von etwas anderem: Von dem Gefühl einer stolzen Stadt in der Bedeutungslosigkeit zu landen. 

An einem Dienstagmorgen breitet Kurt Hähnichen Zettel und bunte Flyer auf dem Tisch aus und sagt: „Die B-169 könnte eine Lebensader für Riesa sein.“ Für Hähnichen ist diese Straße mehr als nur Asphalt, sie ist ein Versprechen auf eine goldene Zukunft.

Wenn man sie ordentlich ausbaut, davon ist der 72 Jahre alte Mann überzeugt, dann kann die neue Bundesstraße die sächsische Stadt Riesa zu einem Wirtschaftsstandort machen. Seit vielen Jahren schickt er deshalb Postkarten an Angela Merkel und Thomas de Maizère, an Michael Kretschmer und Andreas Scheuer. Hähnichen hat eine Liste mit Politikern in seinem Ordner, die von dem Anliegen hören sollen: siebenundzwanzig Kilometer, vier Spuren, eine Verbindung zur A4 und damit zur Welt.

Der Ausbau der Straße ist Kurt Hähnichens Lebenswerk, er hat unzählige Stunden seiner Freizeit dafür geopfert, Debatten geführt, Anträge geschrieben, Interviews gegeben. Er sagt: „Riesa war mal ein wichtiger Industriestandort – und kann es wieder werden.“ Hähnichen ist davon überzeugt: Riesa, eine Stadt mit etwa 30 000 Einwohnern, ist zu Größerem berufen.

Er ist damit nicht alleine. Viele Bewohner von Riesa sind davon überzeugt: Wir waren mal wer – und wir können wieder wer sein.

Die Geschichte der Stadt Riesa ist kein Einzelfall. Es ist auch die Geschichte ostdeutscher Städte wie Eisenhüttenstadt, Neubrandenburg und Suhl. Orte, die einmal wirtschaftliche Zentren gewesen waren – und die nach der Wende zu Kleinstädten geschrumpft sind.

Es ist die Geschichte um die Frage: Wie wahr ist ein Gefühl?

Denn wenn man Kurt Hähnichen glaubt, dann ist das heutige Riesa bloß ein müder Abklatsch von damals. Er sagt, es sei ein langsam sterbender Ort, aus dem die Jugend wegzieht. Er sagt: „Früher war das anders.“

Als Hähnichen im Jahr 1978 von Dresden nach Riesa kam, so erzählt er es, da war die Stadt ein wirtschaftliches Zentrum. Gewaltige Schlote spuckten dunklen Qualm in die Luft und in den Hallen schmiedeten die Arbeiter Stahlplatten für den Sozialismus. Alleine im Stahlwerk Riesa waren 13 000 Arbeiter beschäftigt. Riesa war die Stadt mit der wichtigen Eisenbahnbrücke über die Elbe, die Stahlstadt, die Zündholz-Stadt. Eine stolze Stadt, in der Kurt Hähnichen einen KFZ-Betrieb aufbaute, „von 50 auf 200 Mitarbeitern.“

Dann kam die Wende und mit ihr auch die Treuhand und innerhalb weniger Monate hingen schwarze Flaggen vor den Firmentoren. Das bedeutete: Dieser Betrieb wird geschlossen. Tausende verließen die Stadt. In der Erzählung von Hähnichen ist das der harte Stoß, der Riesa ins Wanken brachte – und den man hätte auffangen können. Wäre bloß die Straße gebaut worden.

Doch nicht alle glauben an diese Erzählung. Einer davon ist Hartwig Kübler, Spargelbauer, Unternehmensberater, Landbesitzer in einem Dorf wenige Kilometer vor Riesa. Einige Tage nach dem Treffen mit Hähnichen lacht Kübler trocken ins Telefon und sagt: „Das sind doch alles Hirngespinste.“ Kübler ist so etwas wie der Gegner von Hähnichen. Ein einflussreicher Landwirt, dem viele der Grundstücke gehören, über die die neue Bundesstraße einmal laufen soll. Kübler sagt: „Die Zeiten sind doch längst vorbei, in denen es in Riesa richtig losgeht.“ 

Kübler sagt: „Die Leute in Riesa schauen auf uns herab als wären wir Bauerntölpel.“ Er ist der Meinung: In Riesa reden sich die Menschen wichtig. Dabei ist die Stadt nun einmal Provinz und das lässt sich auch nicht ändern. Er sagt: „Man lügt sich da in die Tasche. Dabei hat der Verkehr gar nicht so zugenommen, wie das immer behauptet wurde. Hier eine vierspurige Straße bauen zu wollen, ist einfach Quatsch.“

Hähnichen glaubt: Wenn die Straße kommt, dann wächst die Industrie wieder wie in alten Zeiten.

Kübler glaubt: Wenn die Straße kommt, ändert das nur wenig.

Um diesen Konflikt zu verstehen, muss man zurück in die Nachwendezeit gehen. Es ist das Jahr 1994, rund dreitausend Menschen sind seit der Wiedervereinigung aus Riesa weggezogen. Viele der großen Betriebe haben bereits geschlossen, die Arbeitslosigkeit ist hoch – als ein junger Mann mit einem Plan zum ersten Bürgermeister ernannt wird: Wolfram Köhler ist damals 26 Jahre alt, ehemaliger Liedermacher, DDR-Flüchtling, Rückkehrer. Er behauptet: Wenn Riesa es nur geschickt anstellt, dann kann die Stadt zu alter Größe zurück finden. 

Köhler verspricht den Leuten: Eure Stadt kann wieder Bedeutung bekommen.

Dafür entwirft er ein Konzept: Um Riesa attraktiv zu machen, muss der Name der Stadt weltbekannt werden. Er holt deshalb Akrobatikturniere nach Riesa, die Sumo-WM und mit viel Aufwand sogar den damals schon schwer kranken Muhammad Ali. Im Jahr 1999 baut Köhler eine gewaltige Sporthalle mit 14 000 Plätzen und initiiert schließlich die sächsische Olympiabewerbung. Er erzählt den Leuten: Die Region brauche ein Mega-Event. Wenn Milliarden investiert werden, dann kommen auch die jungen Leute zurück in die Region. Er sagt: Wenn die Olympiade kommt, dann bauen wir eine Autobahn von Leipzig über Riesa nach Dresden. Wenn die Olympiade kommt, ist Riesa zurück auf der Weltbühne.

Diese Erzählung wirkt bis heute nach.

Noch immer ist Köhler für viele Menschen in Riesa eine Art Heilsbringer. Kurt Hähnichen ist überzeugt: Es liege nicht an Köhler, dass die Versprechen nicht eingetreten sind. Dass in der Sachsenarena keine Mega-Events stattfinden, sondern bloß der Nachtflohmarkt und eine Pferdeshow; dass die Olympiade nie kam, dass Akrobatik und Judo in Deutschland keine Massen anziehen, all das sieht Hähnichen nicht. Für ihn bleibt Wolfram Köhler ein Visionär.

Dabei ist selbst Köhlers politischer Abgang wenig rühmlich gewesen: Im Jahr 2004 hatte man ihn für Riesa in den Landtag gewählt, nach nur wenigen Monaten war er von seinem Posten zurückgetreten. Als Begründung sagte er: „Es fühlte sich an wie auf der Auswechselbank des Parlaments zu sitzen und nicht eingewechselt zu werden.“ Köhler fühlte sich zu Größerem bestimmt, Riesa hatte deshalb über Jahre keine Vertretung im Landtag.

Der junge Wolfram Köhler hatte bei den Menschen in Riesa einen Nerv getroffen: Eine geschundene Stadt, rund zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit, hilflos taumelnd zwischen zwei Systemen und mit der Erinnerung an bessere Tage. Köhler hatte dieses Gefühl aufgenommen und geschürt. Bis heute brodelt es unter der Oberfläche.

Es sind die versprochenen blühenden Landschaften, die nie nach Riesa gekommen sind.

Dabei steht es heute nicht schlecht um die Stadt Riesa. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund sechs Prozent, die Bevölkerungszahl ist stabil, die Geburtenrate steigt. Von außen betrachtet ist Riesa eine gemütliche Stadt an der Elbe, eine Kleinstadt eben mit Kleinstadtproblemen. Nur wie kann man eine Stadt von ihrer Provinzialität überzeugen?

Der vermeintliche Ausbaugegner Hartwig Kübler sagt: „Wir sind ja gar nicht grundsätzlich gegen den Ausbau der Straße. Natürlich würde eine bessere Anbindung der Region gut tun – aber dafür kann man doch nicht noch mehr Land verdonnern.“

Küblers Protest haben sich mittlerweile der NABU und der BUND angeschlossen, einflussreiche Naturschutzverbände, die die Felder und Wiesen im Umland schützen wollen. Sie alle finden: Kosten und Nutzen eines vierspurigen Ausbaus passen nicht zusammen.

Statt dessen schlägt Kübler einen Kompromiss vor: Weniger Spuren, mehr Kilometer, bestehende Straßen nutzen, dazu eine Umgehungsstraße. Er sagt: „Der Verkehr soll laufen, aber eben den Umständen angemessen.“ Eine mittelgroße Straße für eine mittelgroße Stadt.

Denn man kann die Geschichte von Riesa auch anders erzählen: Man kann von einer Stadt berichten, die sich nach den schweren Jahren Anfang der 90er wieder gefangen hat, deren einstmals grauen Fassaden renoviert wurden und an deren Elbwiese an die Fahrradtouristen pausieren. Man kann vom ICE sprechen, mit dem man in einer halben Stunde in Leipzig und Dresden ist, von großen Eisdielen, in die sich die Kunden drängen, vom Kino, das fünf Säle bespielt und vom griechischen Restaurant am Rathaus, in dem sich die wohlhabenden Bürger der Stadt treffen.

Von außen betrachtet, könnte man sagen: Riesa ist keine Stadt der Abgehängten und keine abgehängte Stadt. Es ist ein mittelgroßer Ort mit einem Streit um eine Straße. Und wenn die Straße kommt, dann kann man weitersehen. Nur: so einfach ist das eben nicht.

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