Springe zum Inhalt →

Hinter der Geschichte IV – Von Donndorf bis nach Ilmenau (Thüringen)

Oder wie sich das Klima ändert

Ich laufe durch ein sonnenverbranntes Land, das nach gemähtem Korn riecht. Die Dörfer sind wie ausgestorben, hinter geschlossenen Rolläden läuft der Fernseher und zeigt dystopische Bilder einer Welt, die von Hitze verzehrt wird. Sollten wir uns eigentlich überhaupt noch mit anderen Themen außer dem Klimawandel beschäftigen? Brauchen wir nicht alle Aufmerksamkeit, um die Katastrophe abzuwenden?

Ja, vielleicht – aber das Leben geht eben weiter, auch in Nordthüringen. Ich sitze mit Rosemarie auf einer Bank im Schatten vor der alten Kirche. Sie ist im Januar 1945 aus dem damaligen Schlesien geflohen, Auffanglager in Tschechien, dann immer die Straße entlang. Ein halbes Jahr später landete sie in Thüringen, um dort den Rest ihres Lebens zu verbringen. Sie sagt: „Aber damals wollte uns niemand hier haben. Es hat viele Jahre gedauert, bis sie uns akzeptierten.“ Heute ist Rosemarie neunzig und niemand im Dorf scheint sie zu kennen, dabei kennen sich doch sonst immer alle. Aber die Alten werden vergessen, so ist das heute wohl. Dabei hat sie eine wichtige Botschaft: „Man muss doch was draus lernen, wie man uns früher behandelt hat und wie man die Flüchtlinge heute behandelt.“

Auf der Landstraße sammelt mich Steffen ein. Breiter Schnurrbart, breites Lachen, kaputte Knochen. Er hat jahrelang auf dem Bau geschuftet und ist nun erstmal krank geschrieben, weil auch das zweite Knie im Arsch ist. Er sagt: „Das ist dann aber auch das letzte Körperteil, mehr geht nicht.“ Dann lacht er wieder. Er lacht sowieso die ganze Zeit, außer wenn’s ums Geld geht. Nicht um seins, natürlich, sondern um das der Kommune. Er sagt: „Die bauen da ne Fahrradbrücke über die Schlucht und ein neues Feuerwehrhaus, aber genug Geld, um einmal in der Woche einen Arzt kommen zu lassen, haben sie dann nicht mehr.“ 

„Sie“ und „das Geld“, das ist überhaupt ein ganz großes Thema. Sie, das sind die Politiker, egal auf welcher Ebene – und das Geld, das sind die Steuern, die meine Mitfahrer jedes Jahr zahlen. Und viele von ihnen haben das Gefühl: Da wird Geld verschleudert, anstatt es in die wichtigen Dinge zu investieren, in den Ärzte- und Lehrermangel zum Beispiel. Dass die Vergabe von Geldern oft kompliziert ist, interessiert hier niemanden. „Die sollen mal ihren Job machen.“

Und natürlich: In Sachsen-Anhalt wird demnächst vom Geld der Kohle-Soforthilfe zuerst einmal der Dom in Naumburg geputzt. Obwohl das Geld eigentlich den Wegfall der viele Arbeitsplätze auffangen soll, wenn Schluss ist mit der Kohle. „Was gibt’s da nicht zu verstehen, das ist doch quatsch.“

Das gleiche gilt für die Kreis-Reform in Thüringen, bei der kleine Gemeinden zusammen geschlossen werden. Das kann auch keiner verstehen – und es scheint den Leuten auch keiner erklären zu können. Vielleicht ist das Teil des Problems?

In Bad Frankenhausen, kurz hinter Tübckes Monumentalwerk zur Bauernschlacht im 16. Jahrhundert, hundertdreiundzwanzig Meter lang, vier Meter hoch, ein Ungetüm in Bildgewalt, ein DDR- Memorial, kurz dahinter also sammeln mich Nick und Hella ein: Mutter und Sohn aus einem winzigen Dorf im Kyffhäuser-Kreis. Nicks Arme und Beine sind tätowiert, seine schwarzen Haare lang und zottelig, in Ohren und Nase goldene Ringe, Alter: Ende dreißig. Hella: breites Kreuz, fester Händedruck, Batikshirt, hat lange das Gasthaus im Dorf geführt, bis die Steuern zu hoch wurden. „Mein Laden hatte laut der Behörde zu lange offen, galt dann als Gasthaus und Kneipe und da ändern die dann deinen Status und du musst doppelt zahlen. Ich hab ja noch versucht mit denen zu reden, aber das hat nix genützt.“ Deshalb gibt es jetzt kein Gasthaus mehr im Dorf, nur noch den Innenhof im Hause der Familie. Dort sitzen Samstagmittag die Dorf-Herren und kriegen ihr Pils und Macaroni mit Tomaten-Soße und Kaltschale zum Nachtisch. Denn mal ehrlich: Was macht ein Dorf ohne Gasthaus?

Land und Stadt

Das also sind die Themen auf dem Land. Wie sieht’s in der Stadt aus? Sprechen alle über den Klimawandel? 

Ich lande auf einer Techno-Party im letzten wirklich besetzten Haus von Jena, übernehme eine Bar-Schicht und unterhalte mich mit den Gästen. Hier ist die große Frage: Wie erhält man sich eine Stadt, in der sich nicht alles nur ums Geld dreht? 

Die Antwort: Kompliziert. Die Politik sagt: Lange hat’s vielen Menschen dort an Geld gefehlt, jetzt will man endlich investieren. Und Jena boomt ja und Weimar auch und auch in Erfurt geht es immer besser. Jemand meint: „Das ist die goldene A4.“ Also die Autobahn, die sich von Ost nach West entlang der drei großen Städte in Thüringens Mitte schlängelt. Vorzeigestädte mit großen Universitäten und vor allem: Mit viel Zuzug. Ein Politiker in Jena sagt: „Alle fünf Jahre kommen rund 20 000 junge Menschen neu in die Stadt, die sich hier ihren Lebensmittelpunkt suchen.“ 

Aber die kommen eben auch wegen solcher Hausprojekte und Freiräume und deshalb ist für viele auch die Frage wichtig: Wie erhält man sich eine lebendige Stadt? Im besetzten Haus sind sich alle einig: Indem man Ärger macht.

Es ist ein wenig die andere Ost-Erzählung, eine, in der der Erfolg zum Problem wird.

Die andere Geschichte wird im Südwesten des Landes geschrieben. Ich mache mich auf in Richtung Suhl, der Stadt mit dem angeblich höchsten Altersdurchschnitt in Deutschland. Dort wurde mal die Simson produziert – und dort werden heute noch immer Waffen hergestellt. Ein Ort, an dem man Gewehröl an der Bar bestellen kann und von dem mir Menschen in Ostthüringen sagen: „Das ist tiefster Osten.“ Obwohl’s ja geographisch ganz im Westen des Ostens liegt. Was sie vielleicht meinen, ist: Die Jungen ziehen weg, die Alten werden vergessen und niemand investiert  dort mehr. Ein Ost-Klischee.

Da will ich also hin, komme aber nie an. Ein Grund: Trampen im Thüringer Wald ist äußerst mühselig und ich werde wieder zum Wanderer, zelte auf alten Sportplätzen und im Schullandheim und lande schließlich in Ilmenau, der Stadt vor Suhl. Dort will ich meine Dienste anbieten, aber die Lokalredaktion lehnt ab, und die Redaktion in Suhl verschließt auch schonmal ihre Tore. „Es gibt hier keinen Schlafplatz.“ Schade. Vielleicht hat es aber auch etwas Gutes: Ich suche schließlich eben nicht das Klischee. 

Denn fast hätte es mich auch gekriegt:

Als ich auf einem Marktplatz an der Ilm sitze, kommen Rentner aus ihren Häusern und beobachten mich aus der Ferne. Wie ein Rudel Wölfe umstreichen sie mich. Schließlich setzt sich einer neben mich. Er ist ein wenig betrunken, fragt mich was ich hier treibe und so weiter. Dann frage ich zurück und er sagt: „Mir ist einfach langweilig, hier gibt es nichts zu tun.“

Dabei ist es eigentlich wunderschön: Dichte Wälder, Berge, kleine Dörfer. Alles sehr hübsch, und hier ist der Klimawandel sogar endlich Thema: Weil die heimischen Bäume mit der Trockenheit nicht klarkommen, gehen die Wälder nach und nach zu Grunde. Der Borkenkäfer schnappt sich die Fichten und das fehlende Wasser erledigt die Buchen und die Wälder dünnen immer mehr aus. Und dafür bräuchte es jetzt wirklich viel Geld, um den Bestand zu retten und vielleicht neue Arten anzusiedeln. Eine Gegend am Puls der Zeit könnte man meinen. Nur ist die goldene A4 eben noch eine Ecke entfernt und für die Gegend scheinen sich nur wenige zu interessieren. Fakt ist: Dieses Geld kommt nur sehr langsam. 

Aufmerksamkeit ist im politischen System auch immer eine Frage von Lobby. Und wenn dich keiner hört, weil du keine Lobby hast – was machst du dann?

Veröffentlicht in Uncategorized