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Hinter der Geschichte I – An der Elbe

Was alles nicht im Text steht

Es geht nicht um mich, es geht um die Menschen. Ich will keinen Blog über meine Befindlichkeiten schreiben, sondern über Begegnungen. 

Aber ich glaube auch, dass es spannend ist, hinter die Geschichten zu blicken. Wie treffe ich meine Gesprächspartner*innen? Was taucht alles nicht im Text auf? Welche Begegnungen unterschlage ich?

Ich möchte meine Arbeit und auch diese Wanderschaft transparent machen. Deshalb schreibe ich in unregelmäßigen Abständen die Geschichten zwischen den Geschichten auf.

1. Der Brückenstreit

Ich beginne meine Reise offiziell in Neu-Darchau. Der Himmel ist blau, der Wind bläst von Süden und die Elbe treibt träge durchs Flussbett. Die Fähre ist ein weißer Koloss und darauf marschiert Marian Klärner auf und ab, um das Fahrtgeld einzusammeln. Er ist ein freundlicher Mann, der schnell ins Reden kommt. Er erzählt von früher und davon, welche Launen die Elbe so hat. Und er erzählt mir von der Brücke. Ich fahre mit ihm einige Male hin und her und bin beeindruckt von seiner Gelassenheit. Denn in dem Brückenstreit ist er eigentlich die tragische Figur. Ein Fährmann, der darauf wartet, dass ihn keiner mehr braucht.

Nach einer halben Stunde verlasse ich die Fähre gemeinsam mit einigen Fahrradtouristen, die den Deich entlang radeln. Ein großer Findling mit Gravur erinnert an die Einigung, vor einem Restaurant stehen große Thermoskannen, an denen man sich Kaffee zum Mitnehmen holen kann. Ich wandere die Straße nach Amt Neuhaus entlang und schon nach wenigen Minuten hält ein kleiner, weißer Bus neben mir. Darin sitzt ein älterer Herr mit Sonnenbrille, der mir anbietet, mich bis in den nächsten Ort zu nehmen. Ich steige ein und wir reden über die Brücke. Er sagt: „An den Spuk glaube ich nicht mehr.“ Und: „Die da drüben wollten die doch nie bauen.“ Er will mir seinen Namen nicht nennen, denn eigentlich, sagt er, dürfe er niemanden mitnehmen. Er sei im Dienst.

Amt Neuhaus ist ein nettes Örtchen mit Reetdachhäusern, um die sich kleine Gassen winden. Es gibt einen Bäcker, zwei Supermärkte, einen Fahrradladen und eine alte Kirche, die sich im Ortskern über die Häuser erhebt.

Ich marschiere direkt zum Rathaus, um mit der Bürgermeisterin über das Brücken-Thema zu sprechen. Die Bürgermeisterin hat ihren freien Tag, aber eine Mitarbeiterin bittet mich herein und bringt mich zur Verwaltungsfachfrau. Ich lege meinen schweren Rucksack in eine Ecke, rücke meine Mütze zurecht und klopfe an die Bürotür: Mein erster offizieller Auftritt als wandernder Journalist. Erstaunlicherweise ist die Frau aber nicht über mein Aussehen überrascht. Es scheint, als sei es etwas ganz Normales, dass sich ein junger Kerl mit Mütze und Wanderrucksack als Journalist ausgibt und etwas über den Brückenstreit erfahren will. Sie sagt: „Das ist ein wichtiges Thema, bei der letzten Wahl haben hier bestimmt 80 Prozent der Leute den Landrat gewählt, der für die Brücke ist.“

Ein großes Thema, ich bin auf der richtigen Spur. 

Ich gebe ihr meine Karte („das ist ja toll“) und sie reicht mir im Gegenzug Telefonnummern von den stellvertretenden Bürgermeistern („das ist hier streng geregelt, wer mit der Presse spricht“) und vom Vorsitzenden des Brückenvereins, Marko Puls. 

Die Frau ist ein wenig im Stress, denn wegen des großen Brandes wollen sämtliche Lokalmedien und der NDR mit der Stadtführung sprechen.

Ich rufe alle Nummern an, aber erreiche nur Herrn Puls. Wir verabreden uns zum Kaffee am Nachmittag, mir bleiben noch ein paar Stunden. Also wandere ich ein wenig durch den Ort, esse Kartoffelsalat in einem Imbiss, quatsche mit Jugendlichen, die aus der Schule komme und älteren Herrschaften, die gerade einkaufen gehen. Ich mache mir ein Bild davon, was die Leute über die Brücke denken.

Dann treffe ich Marko Puls am Bäcker. Er ist ein breitschultriger Kerl mit kurzem Bart. Wir trinken Kaffee mit Kondensmilch und unterhalten uns gut eine Stunde. Als ich Puls schließlich noch frage, wer denn seine Gegner seien, schickt er mich zu Andreas Conradt. 

Also wieder zurück zur Fähre und auf nach Neu Darchau. Auf dem Rückweg sammeln mich zwei Hippies ein. Eine Frau mit langen grauen Haaren, die sich Sira Katar nennt und ein Ashram in Boizenburg betreibt und Christian, einen US-Amerikaner („fifty percent Mexican, fifty percent native-American“), der Meditiationsgongs baut. Sie sagen mir: Das Zeitalter der Meister sei vorbei, nun müssten sich die Menschen selbst erziehen.

In Neu-Darchau laufe ich zum Restaurant Göpelhaus, das Conradt gehört. Ein großes altes Fachwerkhaus, das hübsch renoviert wurde. Eine große Tafel wirbt für eine Kunstausstellung, auf einer Werbetafel steht groß: Biozisch. Es ist ein Gegensatz zum Restaurant, in dem ich meinen Kartoffelsalat gegessen habe. Es ist eine Welt, über die Puls nur abschätzig redet. „Die Alternativen“. 

Ein perfekter Ort also, um die Gegenseite zu treffen.

Aber ich habe Pech: Das Göpelhaus ist geschlossen. Blöd, wie komme ich jetzt an meinen Protagonisten? Ich spaziere um das Haus, klopfe an sämtliche Türen, dann kommt plötzlich Conradt aus dem Eingang. Ein Interview? Puh, eigentlich keine Zeit. Es geht um die Brücke. „Na gut, dann komm mal rein.“ Conradt erzählt seine Version der Geschichte, wir rauchen eine Zigarette und ich verabschiede mich wieder, zurück mit der Fähre über die Elbe. 

Ich beschließe meinen Recherchetag für beendet und wandere auf dem Deich entlang in Richtung Südosten. Unterwegs treffe ich eine Hamburgerin, die sich ein altes Bauernhaus gekauft hat und erfahre, dass Anfang der 60er sämtliche Bauernhöfe am Deich wegen der Grenzzone geräumt wurden. Viele der alten Bauernhäuser wurden zerstört, noch heute kommen die Nachfahren der Vertriebenen zurück und gedenken ihrer Heimat. An einer Landstraße haben sie ein Mahnmal errichtet: einen großen Haufen roter Steine.

Nach einer Nacht an der Elbe wandere ich am nächsten Morgen zur Landstraße, um weiter nach Osten zu trampen. Ich bin noch müde, meine Beine tun mir weh und ich brauche dringend einen Kaffee. Außerdem ist meine Wasserflasche leer. 

Aus der Ferne sehe ich einen Mann im Garten arbeiten, ich laufe auf ihn zu, es ist Marko Puls, der Polizist. „Ach, der Journalist. Kaffee?“

Merke: Im Lokalen entkommt man seinen Protagonisten nicht.

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