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Insel im Widerstand – Jena

Ein umstrittenes Hausprojekt in Jena, seine letzte Party und der Kampf um die Zukunft der Stadt

Es ist Samstagnacht halb zwei: Wenige Meter von mir pinkelt eine junge Frau zwischen parkende Autos, drei Jungs streiten sich um eine Flasche Wodka und der laute Bass wummert aus dem Keller der Insel auf die Hauptstraße. Jeden Moment kann die Polizei kommen und das hier auflösen. Ich stehe inmitten von Punks und Ravern und frage mich: Was genau soll hier eigentlich gerettet werden?

Denn ich bin nicht zum Spaß dort, ich will über den Rettungskampf „der Insel“ berichten, Jenas umstrittenstes Hausprojekt. Seit Jahren tobt ein Streit darum zwischen linken Aktivisten und der Stadtverwaltung, zwischen Alternativen und Konservativen, zwischen jung und alt.

Die Insel, sagen seine Bewohner, ist einer der letzten echten Freiräume in einer immer enger werdenden Stadt. Ein Ort, an dem es nicht um Geld sondern um Selbstverwirklichung geht.

Die Insel ist ein Moloch, sagen die Gegner, wie der Oberbürgermeister Nitzsche. Ein Ort, an dem Drogen konsumiert werden, an dem niemand Verantwortung übernimmt, der längst verwahrlost ist. Sie wollen das Haus abreißen und den Platz neu bebauen.

Der Streit um die Insel entfacht sich allerdings nicht nur um ein altes Haus, es ist ein Streit um die Frage: Wie soll die Stadt Jena in Zukunft aussehen? 

Und dieser Streit bewegt nicht nur Jena, er findet auch in Ostberlin statt, in Leipzig, in Rostock. Denn viele Jahre lang galten ostdeutsche Großstädte als Freiräume: Viel Leerstand, günstige Mieten – ein Paradies für junge Kreative. Doch der starke Zuzug lässt diese Räume immer kleiner werden. Und nun leiden die Städte an ihrem eigenen Erfolg.

So zumindest sehen es die Insel-Bewohner.

Am Inselplatz 9a, nur wenige Minuten vom Rathaus entfernt, erhebt sich das zweistöckige Haus wie ein Farbtupfer aus einem Meer aus Beton. Auch deshalb der Name: Die Insel. Umgeben von einem gewaltigen Parkplatz rankt sich grüner Efeu an gelben Hauswänden empor, an den schiefen Holz-Fensterläden hängt ein meterlanges Transparent, darauf steht in bunten Buchstaben: „Freie Räume für gemeinsame Träume.“ 

Am Samstagnachmittag wuchte ich meinen Rucksack eine schmale Treppe im Inneren der Insel hinauf. Plakate und Flyer überziehen die Wände, Staub drängt sich in die Ecken, über der Toilette hängt ein Schild auf dem steht: „Kein großes Geschäft.“

Vor mir läuft Clemens, er ist mein Gastgeber: ein schlaksiger Kerl Ende dreißig, blaue Latzhose, die langen Haare zum Zopf gebunden. Er sagt: „Könnte heute die letzte Party werden. Aber das macht’s umso besser.“ Ich hatte Clemens in Görlitz kennen gelernt und wurde von ihm zur Party eingeladen, jetzt treffen wir uns in Jena wieder. Clemens ist so etwas wie der Gründervater der Insel, ohne ihn würde es das Haus längst nicht mehr geben.

Vor etwa zwölf Jahren war er als Student eingezogen, damals vermietete eine Stiftung das Haus, unterteilt in kleine Wohnungen. Nach und nach waren die anderen Mieter ausgezogen und Clemens Freunde kamen hinterher. Sie veranstalteten die ersten Partys im Keller, luden Bands zum Proben ein, organisierten VoKüs, so genannte Volxküchen, im Garten: Essen gegen Spende für alle. Aus dem Mehrfamilienhaus wurde ein Hausprojekt, „die Insel“.

Studierende in Jena kennen das Haus und seinen Ruf: Wilde Partys im Keller, Drogen, Exzess – aber eben auch Platz für Ideen. Wer in Jena ein Projekt hat und dafür Raum sucht, der kommt zur Insel. Wem Freitagabend langweilig ist, der geht zur Insel. Wer mit Freunden Musik machen will – auf zur Insel.

Vor einigen Jahren übernahm das Land Thüringen das Gebäude und hatte andere Pläne mit dem Gelände. Auf dem Parkplatz soll der neue Uni-Campus entstehen. Das Problem: Erst wenn auch das Haus am Inselplatz 9a abgerissen ist, darf der Bau beginnen. Jeder weitere Tag Insel kostet das Land Geld. Man kann sagen: Die Inselbewohner haben mächtige Gegner.

Am frühen Abend schallt harter Punkrock durch den Garten. Zwei junge Männer ziehen große Absperrgitter übereinander, um ein improvisiertes Dach zu bauen. Clemens ruft: „Leute, zieht das Ding mal gerade, damit’s nicht beim nächsten Sturm wieder umkippt.“ „Alles klar, Clemens.“ Dort soll heute Abend die Bar aus Europaletten stehen. Überall auf dem Gelände stapeln sich die Paletten aus gepresstem Holz. Sie dienen als Bänke und Tische, als Zaun, als Regal. Wer nichts hat, der hat noch Europaletten 

An einem Tisch versammeln sich fünfzehn Leute um einen großen Tisch: Dreadlocks, Iros, Ringe in Ohren und Nasen. Eine Junge Frau hat sich das chemische Symbol für Adrenalin zwischen die Schultern stechen lassen. Fast niemand von ihnen wohnt hier, nicht alle kennen sich. Es ist eine lose Gruppe, jeder der will, kann hier mitmachen. Heute heißt das Programm: Hard-Tech-Party. Bedeutet: Harter, schneller Bass, wenig Melodie, Geballer. Nischenmusik.

Rezi übernimmt die Leitung, blonder Iro, rotes Shirt. „Jeder hat sich in den Barplan eingetragen? Gut. Wenn die Bullen kommen, bleibt freundlich. Wenn‘s nötig ist, drehen wir eben die Musik runter. Wenn jemand Stress schiebt, schmeißen wir ihn raus. Sonst noch was?“ In nicht einmal zehn Minuten steht das Party-Konzept. 

Auch Rezi hatte mal in der Insel gewohnt, vor zwei Monaten war er ausgezogen. Er sagt: „Ich habe Perspektive gebraucht.“ Er glaubt, der Abriss sei nur noch eine Frage der Zeit. Zu den Parties kommt er trotzdem. 

Es ist nicht so, dass es in Jena keine alternativen Räume gibt: Das Café Wagner in der Wagnergasse, das Kassablanca am Bahnhof West und das ehemals besetzte Haus hinterm Bahnhof. Nur reicht den Bewohnern der Insel das nicht. Clemens sagt: „Es gibt keine nicht-kommerziellen Angebote. Es geht immer nur ums Geld und das ist bei der Insel einfach anders. Hier kann jeder machen, was er will.“

Die Insel ist tatsächlich so etwas wie gelebter Anarchismus. Es gibt kein Konzept, kein Ziel, keinen Verein. Nur eine Handvoll wechselnder Bewohner, eine weitere Handvoll Party-Helfer – und dann all die anderen, die vorbeikommen zum Trinken und Feiern. Es gibt dort niemanden, der Regeln aufstellt – aber auch niemanden, der Verantwortung übernimmt. Warum sollte die Stadt so ein Projekt unterstützen?

Als die Sonne untergeht, kommen die ersten Gäste. Studierendenalter, Männer, Frauen. Sie holen sich Bier gegen Spende an der Bar, am Feuerplatz werden die ersten Joints gerollt. Der Garten füllt sich rasant, an der Bar läuft Dark-Wave. In Plastikgläsern wird Wodka, Rum und Kirschlikör ausgeschenkt, jemand fragt nach Koks.

Vor einem halben Jahr rannte eine Hundertschaft der Polizei aufs Gelände. Mit ihnen kam der Ordnungsdienst und sägte mit Hilfe riesiger Kräne die Bäume im Garten ab, sämtliches Inventar wurde weggeräumt. Dann zogen sie wieder ab. Es sollte so etwas wie ein Warnschuss sein. In der Insel sagen manche: Psychoterror.

Denn das Problem der Verwaltung ist: Clemens hat noch immer einen Mietvertrag. Als einer von zwei Bewohnern wohnt er offiziell am Inselplatz, zahlt pünktlich seine Miete, hat Kündigungsschutz. Vor einigen Monaten beantragte das Land eine Räumungsklage, viel zu spät – denn selbst wenn die erteilt ist: Legt Clemens Widerspruch ein, verzögert das den Bau noch einmal um anderthalb Jahre. Es sieht so aus, als sei Clemens so etwas wie ein Floh im Fell der Stadt. Und er hört nicht auf zu  beißen.

Gemeinsam mit etwa hundert Aktivisten hatte er schon vor Jahren das Rathaus besetzt und Bürgerversammlungen gestürmt. Er hatte Demos organisiert und bei einer Benefizveranstaltung für viel Geld ein Essen mit dem Bürgermeister ersteigert. Anschließend erklärte er das private Event zu einer öffentlichen Befragung,Thema Stadtpolitik. Der Bürgermeister sagte ab. 

Jetzt steht er an der Bar und gibt seinen Freunden eine Runde Kirschlikör aus. Über die Anlage läuft weiter Dark-Wave, weil Clemens das so will. Keine Widerrede. Er trinkt seinen Kurzen aus und ruft in die Runde: „Leute, zahlt mal einen Kulturbeitrag, damit die DJs auch ein bisschen Geld bekommen.“ Einige Besucher werfen Münzen in ein großes Glas, dann werden weitere Schnäpse ausgeschenkt. Das Lagerfeuer lodert hoch, zwei junge Frauen kreischen, die Party erreicht den Höhepunkt – und die vorbeifahrende Polizei scheint das Spektakel nicht zu interessieren.

Ich stehe am Rand des Geschehens, nippe an meinem Bier und frage mich erneut: Wie konnte dieses Haus so lange gegen die Verwaltung bestehen?

Auf der anderen Seite der Hauptstraße, nur wenige Meter von der Insel entfernt, hat die Stadtverwaltung ihren Sitz. Einige Tage nach der Party bitte ich um ein Interview mit dem Oberbürgermeister, der ist im Urlaub. Statt dessen treffe ich seinen Stellvertreter. Christian Gerlitz ist seit Februar im Amt: Wirtschaftsinformatiker, 36 Jahre alt, SPD-Mitglied. Er hat selbst viele Jahre in Jena studiert. Von seinem Bürofenster aus blickt er direkt auf das bunte Haus am Inselplatz. Ich rechne mit einem Gegner der Insel, doch das Gegenteil ist der Fall.

Gerlitz ist ein Mann, der sich Zeit nimmt zum Antworten und die Worte mit Bedacht wählt. Er sagt: „Auf der einen Seite ist es enorm wichtig, dass auf dem Inselplatz gebaut wird. Der Campusbau ist ein Quantensprung für die Ausstattung der Universität. Gleichzeitig glaube ich: Auch ein Projekt wie die Insel hat einen hohen gesellschaftlichen und kulturellen Wert.  Wenn zu viele Initiativen unmöglich gemacht werden, dann verändert sich das Gesicht der Stadt Jena.“

Heißt das, Sie wollen die Insel erhalten?

Gerlitz: „Es gibt zwei Alternativobjekte und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in den nächsten Wochen zu einer Lösung kommen werden.“

Ich bin überrascht: Der stellvertretende Bürgermeister erklärt, die Stadt werde den Insel-Bewohnern in kürze einen Alternativort präsentieren, der genug Platz bietet, um das Projekt fortzuführen – und gleichzeitig verfasst die Stadtverwaltung ein Papier, indem sie erklärt: Die Insel gehöre nicht zur Stadtkultur. Wie passt das zusammen?

Gerlitz sagt: „Ich bin erst seit Februar im Amt und sehe die Sache vielleicht anders als manche meiner Kollegen. Ich weiß, was mich damals dazu gebracht hat nach Jena zu kommen und bis heute hier zu bleiben.“ Und dann schiebt er nach: „Ich habe ein robustes Mandat, das sollte reichen.“

Händeschütteln, danke, tschüß. Das ist also die Geschichte?

Es ist Dienstagnachmittag und ich versuche die Puzzleteile zusammen zu bringen. Eine sehr spezielle Techno-Party, das Chaos im Insel-Haus, ein SPD-Politiker, der sich genau dafür einsetzt. Was ist los mit dieser Stadt?

Dann erinnere ich mich an zwei Begegnungen in der Nacht:

Es war elf Uhr, die Party begann sich zu füllen, als sich zwei Jungs aus Guinea neben mich setzten. Geflüchtete, unfreiwillig in Jena gelandet. Jahia ist 19 und macht eine Ausbildung zum Mechatroniker. Er sagte: „Jena ist scheiße man. Die Leute sind komisch, you know man. Eigentlich ist die Insel der einzige Ort, an den wir gerne gehen.“

Vielleicht ist ja auch das eine Ost-Erzählung. Eine, die nicht von aussterbenden Städten handelt, sondern von entstehenden Freiräumen. Eine Erzählung, die auch zu Ost-Berlin passt, zu Leipzig, Erfurt, Halle – Orte, an denen Platz für neues entstanden ist. Platz für Menschen, die vielleicht nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Und in diesen Räumen wurden junge Politiker wie Christian Gerlitz sozialisiert. Jetzt drängen sie an die Macht: Junge Entscheider, die so etwas wertschätzen können und nun verteidigen.

Mein letztes Bild von Samstagnacht ist ein einzelner Mann im Rollstuhl. Der Raum ist dunkel, Schwarzlicht an der Wand. Der Mann tanzt wild im Kreis, sitzend, sein Gesicht ist ekstatisch verzogen, er schwitzt. Als der DJ wechselt, lächelt er.

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